Gespräche mit Astronauten

Premiere: Freitag 15.März
Theater Münster, Kleines Haus
Regie: Gregor Tureček
Bühne/Kostüm: Juliette Collas
Video: Julia Novacek
Im einen Moment sitzt Regine Andratschke noch auf dem Drehstuhl, schwingt Minihanteln zum häuslichen Work-Out und sinniert darüber, dass sie ihrer Mascha doch eine Chance gebe, hier im Westen. Nur Augenblicke später quengelt sie im etwas unterhalb liegenden Bällchenbad als Tochter darüber, dass Olga nicht so mit ihr spielen will, wie sie will. Lang. Ausdauernd. Wie das nur Kinder können.

Felicia Zellers Stück „Gespräche mit Astronauten“ bietet jede Menge feinstes Futter für Schauspielerinnen, und das kostet Gregor Turecek in seiner Inszenierung am Theater Münster voll aus. Es geht um Familien des gehobenen Bürgertums, die sich das Leben erleichtern, indem sie Au-pairs aus Osteuropa als billige Arbeitskräfte zu sich holen. Den allein erziehenden oder von den im Weltraum schwebenden Gatten allein gelassenen Karrierefrauen wäre es ja gar nicht möglich, sich zu verwirklichen, wenn ihnen nicht jemand daheim den Rücken frei hielte.

Das ist temporeich inszeniert, funktioniert sehr unterhaltsam vor allem, weil sich Regine Andratschke, Carola von Seckendorff, Andrea Spicher, Rose Lohmann und Benedikt Thönes auch mit vollem Körpereinsatz einbringen. Wenn Seckendorff die Rampe wieder und wieder hochkrabbelt und Rose Lohmann als Au-pair sie kurz vor dem Abgrund an den Füßen packt und zurück nach unten schleift, wenn sie zu Disco-Beats über die Rampe stolzieren wie Models, wenn sie den Internet-Hit „Scary Time for Boys“ singen, das hält das Interesse hoch.

Die Schattenseite wird durchaus auch gezeigt: Dass die wütende Managerin ihrer Mascha die Hand verbrüht, weil die nicht verhinderte, dass Peter sich die Hand am Bügeleisen verbrannte. Dass als Freizeitvergnügen nur das Treffen mit der besten Au-pair-Freundin im Burger-Restaurant bleibt. Die missglückte Abtreibung beim Heimaturlaub. Einsamkeit, Gewalt, Willkür.


(Westfälischer Anzeiger vom 18.3.2019)
Felicia Zellers „Gespräche mit Astronauten“ ist eine wortreiche Satire über Globalisierung und das daraus entstehende Wohlstandsgefälle. Dass die Inszenierung nicht im Verbalen steckenbleibt, dafür sorgen Regisseur Gregor Tureček und sein Ensemble, das die von drei Seiten einsehbare Bühne gut zu nutzen weiß. Eine sehenswerte Aufführung.

(Münstersche Zeitung vom 17.3.2019)
Die Inszenierung lebt vom Wechsel. Andrea Spicher etwa ist neben der 19jährigen Olanka auch Sohn Peter und Maren, freie Filmproduzentin, die eben auch Karriere machen will. (Zitat: „Man nennt uns „Karrierefrauen“, wenn wir etwas auf die Reihe kriegen. Keiner würde auf die Idee kommen, einen erfolgreichen Mann als „Karrieremann“ zu bezeichnen.“). Spicher macht das so fließend, schnell und überzeugend, dass die Zuschauer ganz angetan sind, fährt hochkreischend im Elektrogolf über den Bühnensteg, schläft im Einkaufswagen und dreht Filme, die gleichzeitig auf großformatigen Monitoren übertragen werden.

Dabei geht es um Gesellschaftskritik, die Carola von Seckendorff anhand von Frauenzeitschriften thematisiert, wie man etwa dem Partner beim Blowjob noch mehr Lust verschaffen kann. „Männerzeitschriften sind interessanterweise nicht das männerfeindliche Gegenstück zu diesem Kram hier, indem sie in tausendfacher Ausführung erklären, wie man eine Vulva am geschicktesten ausleckt, selbst wenn man keinen Spaß daran hat.“

Endlich darf dann auch der Astronaut schwerelos landen. Als Ehemann von Gabriele Fummel (Regine Andratschke) torpediert Benedikt Thönes die Erziehungsvorstellungen seiner Frau. Da muss Rose Lohmann direkt ein Lied singen. Das macht sie so schön, dass schon wieder alles versöhnt erscheint.

Kurzweilige 90 Minuten.


(Erlesenes Münster, Ein Kulturblog von Burkhard Knöpker vom 16.3.2019)

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