Ein Roman wie ein guter Soundtrack!?

Allgemein 20. September 2018

Ein Roman wie ein guter Soundtrack!?

Die Schauspielerin Caroline Wybranietz und der Regisseur Greogor Tureček versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination von Wolfgang Herrndorfs Bestsellerroman BILDER DEINER GROSSEN LIEBE ausmachen könnte. Im September kann man sich im Theater seine eigene Meinung dazu bilden.

Tureček: Du hast die Rolle der Isa ja schon einmal gespielt – damals jedoch in einer Inszenierung von Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“. Ist die Rolle vergleichbar oder was komplett anderes für dich?

Wybranietz: Es ist für mich auf jeden Fall etwas komplett anderes, weil Isa in der Geschichte „Tschick“ nur als Nebenfigur auftaucht. Da ist die Begegnung der beiden Jungs mit Isa eher ein Feuerwerk, ein kurzer Leuchtmoment im Roman. In „Bilder deiner großen Liebe“ stehen Isa und ihre Sicht auf die Dinge im Mittelpunkt. Ich habe das Gefühl, dass Herrndorf sie jetzt viel filigraner, menschlicher und nachdenklicher geschrieben hat.

Tureček: „Nachdenklich“ ist ein gutes Stichwort. Als Herrndorf den Roman schrieb, wusste er ja schon von seiner eigenen Krankheit, dem Tumor. Es überrascht deshalb nicht, dass dieses Buch so philosophisch ist und man den Schriftsteller in den Zeilen heraushören kann – zum Beispiel dann, wenn er über große Themen wie „Leben, Tod und Sein“ schreibt und es dabei schafft, sich in die Seele einer 14-jährigen hineinzuversetzen.

Wybranietz: Genau. Und die Themen, die er in seinen Texten anspricht, sind den Jugendlichen nicht fremd und sie finden sich darin wieder.

Tureček: Zudem mag man die Geschichte auch so gerne, weil sie eine starke Frauenfigur abbildet. Obwohl sie eine Außenseiterposition in der Gesellschaft einnimmt, ist sie eine absolute Identifikationsfigur.

Wybranietz: Und Herrndorf trifft einen Ton, den man als Frau nachvollziehen kann – obwohl er ein männlicher Autor ist. Vielleicht ist das so, weil Isa irgendwie auch eine große Liebe von ihm ist.

Tureček: Und dabei ist sie nicht klischeehaft dargestellt. Mit Klischees versuchen wir ja auch in der Inszenierung zu spielen, indem wir uns fragen, was passiert, wenn eine junge Frau mit männlichen Verhaltensmustern kokettiert. Unser Bühnenbild ist ein Proberaum und das ist eher so ein Jungentraum.

Wybranietz: Zusätzlich arbeiten wir dann ja auch noch mit Live-Musik und Videos auf der Bühne. Isa beschreibt auch unglaublich viele Bilder, die wir jetzt musikalisch und mit Videos untermalen.

Tureček: Ich habe jetzt gerade einen neuen Gedanken: Vielleicht ist die Struktur des Romans mit der eines Albums oder eines Konzerts vergleichbar? Ein Song steht für sich, dann kommt der nächste Song und so weiter.

Wybranietz: Ja, und wie bei einem guten Album ist da schlussendlich doch der rote Faden und alles macht Sinn.

Tureček: Ja, alles steuert auf den Moment zu, in dem sie Tschick und Maik begegnet. Die ganze Vorgeschichte aus „Tschick“ schwebt ja auch irgendwie über dieser Geschichte…

Wybranietz: … und es gibt diesen Aha-Moment, wenn man realisiert, dass das Isa vor der Begegnung passiert ist. Man sieht plötzlich den Roman aus einem anderen Blickwinkel.

Vorbericht aus: Magazin Kompass 09/2018