Interview zur Neuinszenierung von »Die Geierwally« am Theater Augsburg

Allgemein 28. Oktober 2015

Der Roman „Die Geierwally“ von Wilhelmine von Hillern wurde Mitte des 19. Jh. veröffentlicht. War dir das Buch bekannt?

Ich kannte die „Geierwally“ als Begriff, wusste aber nichts über die Figur. Und beinahe allen, die ich danach gefragt habe, ging es genauso. Es ist verrückt, wie ein Stoff so tief im kulturellen Gedächtnis verankert sein kann, dabei aber kaum jemand die zugrundeliegende Geschichte kennt. Da will ich einhaken – und sie erzählen. Und dabei natürlich herausfinden, was uns dieser Stoff heute noch zu sagen hat.

Was interessiert dich an dem Stoff heute?

Wie sich Wally als Frau an einer männlich dominierten Gesellschaft abarbeitet, das ist heute genauso gültig. Die Konflikte sind vielleicht andere: Wallys Vater will seine Tochter gegen ihren Willen verheiraten, da hat man natürlich erstmal eine gewisse Distanz dazu. Aber ich versuche, den Konflikt allgemeiner zu fassen: Welche Erwartungen werden von einer Familie an eine junge Frau gesetzt, gerade im Kontext eines kleinen Bergdorfes? Und was passiert, wenn dem ein unbändiger Wille nach Selbstbestimmheit und Unabhängigkeit entgegengesetzt wird?

Auch an anderen Stellen wurde ich davon überrascht, wie sehr der Stoff unser Heute widerspiegelt: Die Klötze von Rofen verhandeln gleich zu Beginn des Stückes, ob sie Wally auf ihrem Hof Asyl gewähren sollen – gerade jetzt, wo die Frage nach dem Recht auf Asyl unser Leben mehr bestimmt als jemals zuvor. Die Argumente, die da gebracht werden, sind genau dieselben, die gerade täglich in Gebrauch sind.

Ist „Die Geierwally“ für dich eine Liebesgeschichte oder eine Emanzipationsgeschichte?

Beides! Wallys Geschichte ist die einer Emanzipation. Dabei geht es mir aber nicht um die Beschwörung eines Mythos vom „bösen Mann“ der Feminismus-Bewegung aus den 70er Jahren, sondern um den Versuch einer Frau, ihre Rolle in der Gesellschaft neu zu definieren – und die ist heute genauso patriachal geprägt wie damals. In jeder Szene ist es ein Mann, der versucht, sie in die Ordnung des Dorfes zurück zu bringen.

Kann sie ihre Unabhängigkeit aufrecht erhalten?

Nein, und zwar weil sie sich verliebt. In ihrer Liebe zu Josef gibt sie ihre Freiheit auf und ordnet sich unter. Und da muss ich sagen: Genau das erlebe ich gerade ständig in meinem persönlichen Umfeld: Dass wir als Anfang Dreißigjährige dann doch wieder in alte Rollenbilder zurückfallen. Es ist eben immer noch zumeist die Frau, die mit dem Kind zu Hause bleibt, und der Mann, der seine Karriere vorantreibt.

Da bleibt für mich die Frage im Raum stehen: Sind wir schon so weit, dass wir Liebe und Gleichberechtigung gemeinsam leben können? Ich glaube, in den allermeisten Fällen sind wir das nicht! Eigentlich Wahnsinn, wenn ich daran zurückdenke, wie wir mit Anfang Zwanzig die Lebensentwürfe der Eltern für total überholt erklärt hatten.

Werden wir auf der brechtbühne die Tiroler Alpen sehen?

Ja! Aber nicht so, wie man es vielleicht erwarten würde. Der Heimatfilm bezieht ja seine Kraft vor allem daraus, dass die Alpen so eine monumentale Kulisse sind. Damit mithalten zu wollen wäre falsch – ein Theater ist nun mal ein geschlossener Raum, da bringt es nichts, so zu tun, als hätte man freien Himmel über sich. Wir haben stattdessen darüber nachgedacht, was die Enge eines Talkessels, die Einsamkeit des Berges, die fehlende Anonymität am Dorf für uns bedeutet, und wie wir das übersetzen können. So viel kann ich verraten: Es gibt keine Berge aus Pappmaschee, keine Heugabeln, und keine Trachten.

Wie willst du mit der speziellen Sprache umgehen?

Wilhelmine von Hillern erzählt in dichter Prosa, lässt die Figuren aber im Dialekt sprechen. Diese beiden Qualitäten will ich behalten, wobei der Umgang mit den Dialogen natürlich der schwierigere ist: Die Geschichte spielt in einem Tiroler Bergdorf ihrer Zeit, und damit in einem Sprachraum, der uns 150 Jahre später hier in Augsburg fremd ist. Das werden wir offenlegen. Wir wollen die Sprache weder in ein heutiges Bairisch verschleifen, noch einen alten Tiroler Dialekt nachahmen (würde es uns gelingen, man würde wahrscheinlich nichts mehr verstehen). Stattdessen versuchen wir die Sprache als Kunstsprache zu behandeln und folgen ihr sehr präzise, Silbe für Silbe, dem Schriftbild folgend, weit weg von einem „authentischen“ Klang.