Interview zur Neuinszenierung von »Romeo und Julia« am Nordharzer Städtebundtheater

Allgemein 28. September 2016

Romeo und Julia handelt von zwei Clans, die sich bekriegen und so die Liebe ihrer Kinder verunmöglichen. Ist das heute noch relevant?

Das war tatsächlich die zentrale Frage: Welche unüberwindbaren Trennlinien gibt es in unserer Gesellschaft, die mit der Feindschaft zwischen Montegues und Capulets vergleichbar sind? Verlaufen sie zwischen Ausländern und Inländern? Türken und Armeniern? Schwarzen und Weißen? Ich möchte diese Konflikte im Einzelnen nicht kleinreden – aber es gibt doch einen gesellschaftlichen Konsens darüber, festgeschrieben im deutschen Grundgesetz: »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden.« Meine Lesart von Romeo und Julia sollte über diese Erkenntnis hinausgehen!

Was trennt die beiden Familien also?

Das Stück beginnt mit der Zeile »Seht zwei Familien hier von gleichem Stand« – und diese Grundannahme habe ich verändert: Unsere Trennlinie verläuft zwischen Arm und Reich. Seit diesem Jahr besitzt das reichste Prozent der Weltbevölkerung genauso viel wie die anderen 99%. Unsere Capulets werden zu Vertretern der Reichen und Superreichen, die Montegues zu einem Teil der Mehrheitsgesellschaft. In Spanien oder Griechenland gibt es eine ganze Generation, die ohne Job und ohne Perspektive dasteht. Aber auch in Deutschland, insbesondere hier in der Region, sind wir ja mit Problemen wie Jugendarbeitslosigkeit und Armut konfrontiert.

…und seit einem Jahr mit der Flüchtlingsbewegung.

Ja, das alles bestimmende Thema – und ich kann nachvollziehen, dass sich diejenigen in ihrer Existenz bedroht fühlen, die wenig haben. Aber statt endlich ernsthaft über Umverteilung zu diskutieren, machen wir die verantwortlich, die noch weniger haben als wir selbst. Die Versorgung der 2015 angekommenen Asylwerber wird etwa 10 Milliarden Euro kosten – die Steuerflucht kostet den deutschen Steuerzahler jedes Jahr bis zu 160 Milliarden! Während unserer Proben wurde ein Datenleak bekannt, das beweist, wie Briefkastenfirmen auf den Bahamas zur Steuerhinterziehung genutzt werden. Wenige Monate davor gab es mit den »Panama Papers« ein noch umfangreicheres Leak.

Der öffentliche Aufschrei ist ausgeblieben. Warum?

Ich weiß es nicht. Es war bestimmt naiv zu glauben, dass Globalisierung eine Einbahnstraße ist. Jetzt, wo die Kehrseite auf unserer Türmatte steht, bekommen es aber nicht die Gewinner der letzten Jahrzehnte zu spüren, sondern die, die ohnehin wenig haben. Deren Wut trifft aber die falschen!

Lässt sich das alles mit dem Text von William Shakespeare erzählen? Die Vorlage ist ja mehrere hundert Jahre alt.

Die Macht des Geldes steckt da auf jeden Fall drinnen – das hat auch viel mit der Übersetzung von Thomas Brasch zu tun, für die wir uns entschieden haben. Die enthält unüberhörbar eine harsche Kapitalismuskritik, nur eben noch bezogen auf beide Familien. Ich habe einzelne Texte anderen Figuren zugeordnet, andere Passagen gestrichen, und so wurden die Capulets zu einer Welt der »Reichen und Schönen« – und die Montegues zu denjenigen, die diese Vorherrschaft bekämpfen.

Thomas Brasch hat einige Jahre nach seiner Übersetzung die Weiterschreibung »Liebe Macht Tod« veröffentlicht – ein eigenständiges Werk, das die Geschichte von »Romeo und Julia« weiterdenkt. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags konnten wir einige Passagen daraus für unsere Inszenierung verwenden und so unsere Lesart noch weiter stärken.

Geht es soweit, dass die Montegues dem herrschenden Clan der Capulets dienen?

Nein. Obwohl das schon mal eine Überlegung war, weil es in dem Stück einige Dienerfiguren gibt, die ich behalten wollte – und Wohlstand ja immer von einer Masse an Dienstleistern begleitet wird: Chauffeure, Stylingberater, Kindermädchen. Und auch wenn diese Rollen zum Teil von den Schauspielern gespielt werden, die auch die »Montegues« verkörpern, so sind es nicht die gleichen Figuren – es bleibt aber dasselbe Milieu.

Die Liebe von Romeo und Julia geht bis in den Tod hinein. Bei Shakespeare ist Julia vierzehn – das Alter der »ersten Liebe«, die unbedingt und alternativlos ist.

Ja, das war tatsächlich eine Frage. Mona Schneider, die unsere Julia verkörpert, ist 27 – und diesem Alter einfach entwachsen. Wir haben also darüber nachgedacht, wie es sein kann, dass sie so spät ihre »erste Liebe« erlebt. Und dabei hat uns diese Welt der Superreichen in die Hände gespielt: »Die bleiben« – so sagt es der Text von Thomas Brasch – »gerne unter sich«. Julia wächst sehr behütet auf, mit wenig Kontakt zu der Welt »da draußen«. Heiratskandidaten sind nur die, die mindestens dem gleichen sozialen Stand angehören. In unserem Fall ist das Graf Paris, der nicht nur mit seinem Geld prahlt, sondern auch noch dem Adelsstand – und damit einer noch exklusiveren Community – angehört.

Wird er da nicht zur Karikatur? Kommt so übertriebener Reichtum in unserer Gesellschaft vor?

Ich halte ihn für eine Untertreibung! Bei meinen Recherchen bin ich auf die »Rich Kids of Instagram« gestoßen: Eine Gruppe jugendlicher Superreicher, die ihren Reichtum im Internet inszenieren. Sie posieren auf Fotos vor ihren Privatjets, mit Magnum-Champagnerflaschen oder fünfstelligen Restaurantrechnungen. Paris wird bei uns zum Vertreter dieser »rich kids«.

Gewalt nimmt eine wichtige Stelle in diesem Stück ein. Das Stück beginnt mit einer Straßenschlacht…

Es ist richtig, der Konflikt zwischen Montegues und Capeluts ist nicht nur ein ideologischer, der wird auch auf der Straße ausgetragen. Ich glaube, dass auch wir wieder an den Punkt kommen werden, an dem die 99% auf die Straße gehen. Die Occupy-Bewegung hat es vorgezeigt, und auch wenn sie keinen Bestand hatte, so hat sie anfangs bei vielen Menschen, auch in meiner Umgebung, große Sympathien ausgelöst. Sie hat aber auch gezeigt, dass solche Proteste nicht immer friedlich zugehen. Unser Abend wird mit dokumentarischen Aufnahmen von einer Occupy-Demonstration in Frankfurt beginnen, die gewaltsam aufgelöst wurde.

Franziska Deutscher wurde als Kampfchoreographin für die Produktion gewonnen – Werden wir große Kampfszenen sehen?

Ich bin sehr froh, dass das Theater ihrem Engagement zugestimmt hat. Franzy lebt wie ich in München und lehrt eine sehr moderne Form des Bühnenkampfs: Sie lässt viele verschiedene Einflüsse, von philippinischer Kampfkunst über Messer- und Degenkampf bis hin zu Kontaktimprovisation und Akrobatik einfließen. Die Schauspieler waren von Anfang an begeistert bei der Sache und das Ergebnis wird sich sehen lassen können!